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Atlas Copco ist ein Teil des „Wallenberg Ecosystem“, das wissenschaftliche Grenzen neu definiert. Die von uns erwirtschafteten Dividenden tragen dazu bei, dass Milliarden von schwedischen Kronen in Forschung und Ausbildung fließen, was zu neuen Erkenntnissen zum Nutzen der Menschen und der industriellen Entwicklung führt. In diesem Interview erklärt Peter Wallenberg Jr., wie dies alles funktioniert.
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Atlas Copco wurde 1873 von A. O. Wallenberg und anderen gegründet, um Materialien für den Eisenbahnbau und -betrieb herzustellen und zu verkaufen. In den darauf folgenden Jahrzehnten bewegte sich das Unternehmen aufgrund von technischen Innovationen und aus Wettbewerbsgründen in unterschiedliche Richtungen und neue Technologiefelder, wie Druckluft- und Energielösungen. Atlas Copco hat sein Wachstum durch strategische Übernahmen weiter fortgesetzt.
Seit der Gründung von Atlas Copco in den frühen 1870er Jahren ist unsere Entwicklung eng mit der Familie Wallenberg verbunden. André Oscar Wallenberg war einer unserer Gründungsväter, und die Familienstiftungen sind durch ihre Beteiligung an Investor AB unser größter Aktionär.
Die Familie Wallenberg hat seit der Gründung der ersten privaten Filialbank des Landes im Jahr 1856 einen herausragenden Platz in der schwedischen Geschäfts- und Industrieentwicklung. Die Bank unterstützte Unternehmen, die während der ersten und der zweiten industriellen Revolution entstanden. Davon wurden viele zu weltweiten Führern in ihren jeweiligen Bereichen. Durch langfristige Investitionen in diese Unternehmen und die anschließende Investition eines Großteils der Dividenden in Forschung und Bildung wurde ein Ökosystem der Innovation geschaffen, das seit Generationen Bestand hat. Dieses System und die Erfolge der beteiligten Unternehmen ermöglichen nun jährliche Forschungs- und Ausbildungszuschüsse in Höhe von rund 2,4 Mrd. SEK (2020).
Zu diesem System gehört eine Gruppe privater gemeinnütziger Stiftungen, die alleinige Eigentümer der Holdinggesellschaft FAM und Mehrheitseigentümer der Industrieholding Investor AB sind, die wiederum Hauptaktionäre bei vielen erfolgreichen Unternehmen sind. Die älteste und größte Stiftung ist die im Jahr 1917 gegründete Knut and Alice Wallenberg Foundation (KAW). Sie ist einer der größten privaten Geldgeber für wissenschaftliche Forschungen in Europa und unterstützt hauptsächlich Forschungen in den Bereichen Medizin, Technologie und Naturwissenschaften.
Wir haben Peter Wallenberg Jr., Vorsitzender der KAW, Mitglied des Vorstands von Atlas Copco und einer der führenden Vertreter der fünften Generation der Wallenberg-Familie, gebeten, die Rolle von Atlas Copco in diesem Ökosystem und den damit verbundenen Mehrwert zu erklären.
Welche Möglichkeiten sehen Sie für Atlas Copco in Bezug auf autonome Systeme und das Internet der Dinge? Das erklärte Ziel unserer Stiftung ist es, Schweden durch die Förderung von wissenschaftlicher Grundlagenforschung und Bildung zu unterstützen. Auch wenn sich dieser Ansatz in den 1920er Jahren leicht verändert hat, wurde dieses Ziel bereits von Knut und Alice Wallenberg gesetzt, die beide sehr stark in der Entwicklung und der Förderung der schwedischen Wissenschaft, des Handels und der Industrie engagiert waren. Um sicherzustellen, dass ihre Arbeit über einen längeren Zeitraum fortgesetzt werden kann, gründeten sie eine Stiftung, die die Gelder verwalten und die Zuwendungen verteilen sollte. Im Laufe der Zeit sind weitere Stiftungen von oder zu Ehren anderer Familienmitglieder hinzugekommen, alle im gleichen Geist, aber mit unterschiedlichen Schwerpunkten.
Heute ist „Betterment of Sweden“ (landsgagneligt auf Schwedisch) nicht mehr auf geografische Grenzen beschränkt. Im Gegenteil. Die von uns finanzierte Forschung, wenn auch an schwedischen Universitäten, kommt in vielen Fällen der ganzen Welt zugute, und die Wissenschaftlerteams bestehen oft aus Experten aus vielen unterschiedlichen Ländern. Die Ergebnisse werden offen geteilt und können als Ausgangspunkt für zukünftige wissenschaftliche Durchbrüche herangezogen werden. Wir wollen schwedischen Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen zu einem Vorsprung verhelfen, aber eigentlich geht es um eine globale Zusammenarbeit für das Allgemeinwohl.
Wie funktioniert das Ökosystem? Es basiert auf der Performance der Unternehmen wie Atlas Copco in den Anlageportfolios der Stiftungen. Je höhere Dividenden sie erwirtschaften, desto mehr Geld fließt zurück in die Stiftungen und desto mehr fließt in Forschung und Entwicklung, um die wissenschaftliche Entwicklung auf Jahrzehnte hinaus voranzubringen. Alle Bestandteile des Systems sind voneinander abhängig. Die Stiftungen schütten 80 % ihrer Dividenden aus und legen 20 % in bestehenden oder neuen Beteiligungen an.
Einige „Ihrer“ Forscher und Forscherinnen wurden mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, wie kürzlich die Chemie-Preisträgerin Emmanuelle Charpentier. Gibt es ein gemeinsames Merkmal, das Forscher vereint, die die Wissenschaft auf die nächste Stufe heben?
Im Gegenteil, ich würde sagen, dass sie alle sehr gut darin sind, unterschiedlich zu sein. Sie haben den Mut, ihrer inneren Leidenschaft zu folgen, und sie tun dies mit großer Beharrlichkeit. Selbstverständlich sind sie auch extrem klug und talentiert.
Wir möchten es diesen Forschern ermöglichen, an ihren Lieblingsprojekten zu forschen, die sie sonst nur schwer finanzieren könnten. Wenn begabten Menschen erlaubt wird, ihrer wahren Leidenschaft zu folgen, können echte Durchbrüche erzielt werden. Gemeinsam mit den Universitäten suchen wir nach exzellenten Forscher und Forscherinnen mit einzigartigen Sichtweisen und Ideen, um diese zu fördern. Wir geben Forschern die Freiheit, auch ungewöhnliche Projekte zu verfolgen.
Die große Vielfalt ist dabei ein wichtiger Aspekt. Wir verfügen über ein spezielles Programm, um junge Wissenschaftler zu unterstützen, die Zahl der Frauen in den Naturwissenschaften zu steigern und Projekte zu finanzieren, die gut ausgebildeten internationalen Forschern eine Karriere in ihren jeweiligen Fachgebieten ermöglichen.
Die Universitätswelt basiert häufig auf Hierarchien und etablierten Machtstrukturen. Wir wollen diese Welt ein wenig durchschütteln, um einen kontinuierlichen Fluss an neuen Perspektiven zu erzeugen und die besten Ideen dort herauszuholen.
Sie erhalten jedes Jahr Tausende von Einreichungen. Wie entscheiden Sie darüber, welche Sie unterstützen?
Bei der KAW, unserer größten Stiftung, kommt die Bewerbung immer von den einzelnen Forschern, aber die Universität muss ihren Kandidaten vorschlagen. Anschließend bitten wir ein Expertenteam, die Einreichung zu prüfen, um sicherzustellen, dass das Projekt gut durchdacht ist und ein entsprechend hohes Potenzial hat. Die interessantesten Bewerbungen werden dann mehreren führenden internationalen Experten zur Peer-Review vorgelegt. Eine Grundvoraussetzung ist, dass das Forschungsprojekt hervorragend und einzigartig sein sollte. Wir fördern keine „Mehr-davon-“Projekte.
Welches sind derzeit die spannendsten Projekte?
Da gibt es so viele, aber wenn ich ein paar auswählen müsste, würde ich die jüngste Investition von 3,7 Milliarden SEK in die datengestützte Biowissenschaft hervorheben. Gemeinsam mit Innovationen in der Datenverarbeitung und der künstlichen Intelligenz wird dieses Forschungsfeld alle Bereiche der Medizin und der Naturwissenschaften beeinflussen. Dies ist besonders wichtig, um besser auf zukünftige Pandemien vorbereitet zu sein. In diesem Zusammenhang haben wir in diesem Jahr auch insgesamt 180 Millionen SEK für Initiativen im Zusammenhang mit Covid-19 zur Verfügung gestellt.
Ein weiteres Beispiel ist das sogenannte Wallenberg AI Autonomous Systems and Software Program (WASP), zu dem auch Atlas Copco gehört. Als dieses 2015 an den Start ging, war Schweden in diesen Bereichen im Rückstand. Durch die durch dieses Programm geförderte Integration von Wissenschaft und Industrie hat sich die Lage schnell weiterentwickelt, und Schweden ist jetzt eine der führenden Nationen und zieht internationale Experten an, die an dieser Entwicklung teilhaben möchten. Das zeigt, dass Zusammenarbeit noch immer die effizienteste Methode ist.
Ich persönlich bin auch sehr fasziniert von der Arbeit im Wallenberg Wood Science Center, das sich mit der Entwicklung neuer Materialien aus Bäumen befasst. Dies ist ein hochentwickelter Bereich, und die Forschung befasst sich beispielsweise mit Nanozellulose und nanostrukturierten Holzfasern.
Welche Möglichkeiten sehen Sie für Atlas Copco in Bezug auf autonome Systeme und das Internet der Dinge?
Die derzeitige industrielle Revolution ist natürlich ein bahnbrechender Fortschritt, der Unternehmen wie Atlas Copco, die technisch versiert und innovationsgetrieben sind, offensichtliche Chancen eröffnet. Aber es geht nicht nur um die Digitalisierung von Produkten und Lösungen oder die Implementierung neuer Technologien. Diese Entwicklung wird erhebliche Auswirkungen auf die Menschen haben, und diese sind zweifellos das wertvollste Kapital jedes Unternehmens.
Unternehmen müssen ihre Arbeitsweise umgestalten, ihre Teams neu qualifizieren und sicherstellen, dass die Mitarbeiter auf dem neuesten Stand sind. Dies führt zu Verhaltensänderungen, die sich auf uns alle auswirken werden, auch auf Ihre Kunden. Atlas Copco ist sehr gut darin, übernommene Unternehmen zu integrieren, und diese Kompetenz kann auch darauf angewendet werden. Das Änderungsmanagement wird entscheidend sein.
Der Ersatz von Kunststoffen durch Holzprodukte ist ein Beispiel für Innovationen in eine nachhaltigere Welt. Fördern Ihre Stiftungen speziell Nachhaltigkeitsprojekte?
Nicht ausdrücklich, aber wie sich gezeigt hat, haben viele der von uns geförderten Projekte einen direkten Bezug zur Nachhaltigkeit. Das zeigt nur, dass Nachhaltigkeit heute in allen Aspekten der Gesellschaft eine Rolle spielt und kein gesondertes Thema mehr ist. Außerdem bedenken erfolgreiche Unternehmen bei allem, was sie tun, auch den Nachhaltigkeitsaspekt. Atlas Copco war schon immer gut darin, sich ständig zu verbessern, nicht zuletzt angetrieben durch die Kundenanforderungen, und ich betrachte die Nachhaltigkeit als einen natürlichen Teil davon.
Wir bezeichnen uns als „The Home of Industrial Ideas“. Glauben Sie, dass dies eine zutreffende Beschreibung ist?
Vor etwa einem Jahr wurde ich zu einem Tag der offenen Tür am Hauptsitz von Atlas Copco in Sickla eingeladen, an dem Teams aus unterschiedlichen Bereichen des Konzerns einige ihrer innovativsten F&E-Projekte vorstellten. Die Lösungen und der Ergebnisse waren einfach unglaublich. Diese Art von Kultur, in der es Mitarbeitern auf allen Ebenen erlaubt ist, Ideen zu erforschen, selbst wenn diese ein wenig „off topic“ sind und nicht mit dem bestehenden Produktportfolio in Verbindung stehen, ist extrem wertvoll und etwas, das ich auch gern bei vielen anderen Unternehmen sehen würde. So macht die Arbeit auch viel mehr Spaß, und das macht Sie als Arbeitgeber so attraktiv.
Atlas Copco ist in vielerlei Hinsicht ein klassisches, traditionelles Maschinenbauunternehmen, aber der Schlüssel zum Erfolg ist die Fähigkeit, mit der Zeit zu gehen und kontinuierlich das weiterzuentwickeln, was Sie tun und wie Sie es tun. Ein aktuelles Beispiel ist der Wechsel vom Diesel- zum Elektroantrieb. Da ich unterschiedliche Teile des Unternehmens besucht habe, weiß ich, dass dies überall der Fall ist. Das ist ein wichtiger Bestandteil Ihrer Unternehmens-DNA.
Sehen Sie noch Verbesserungspotenzial?
Wie alle großen Unternehmen haben Sie mit der Geschwindigkeit zu kämpfen, und diese Herausforderung wird durch die bereits erwähnte technologische Revolution nur noch größer werden. In diesem Zusammenhang würde ich sagen, dass es sehr wichtig ist, alternative Karrierewege zu etablieren, um einen stetigen Zufluss neuer Perspektiven zu gewährleisten. Wenn Dienstjahre oder bestimmte Berufsbezeichnungen Grundvoraussetzungen für leitende Positionen sind, schließen Sie automatisch Talente aus, die erst später ins Unternehmen gekommen sind oder sich für einen anderen Karriereweg entschieden haben. Außerdem erwarten die jüngeren Generationen ein schnelles Vorankommen, und es ist unwahrscheinlich, dass sie im Unternehmen bleiben, wenn sie erst 20 Jahre arbeiten müssen, bevor sie für höhere Positionen in Frage kommen. Einstellungs- und Beförderungsprozesse sollten flexibler sein und mehr Möglichkeiten zur Weiterentwicklung des Einzelnen bieten. Dies würde Ihnen auch dabei helfen, die Vielfalt zu steigern.
Was wäre Ihr Wunsch für die Zukunft?
Das Schönste an diesem Job ist es, wenn ich die Möglichkeit erhalte, all die klugen und leidenschaftlichen Forscher zu besuchen, ihre Gedanken zu hören und zu erfahren, was sie bisher herausgefunden haben. Die Fähigkeit, sie bei ihrem Streben nach Innovation unterstützen zu können, ist äußerst inspirierend und lohnend. Aus Sicht der Stiftungen geht es darum, das Potenzial von morgen zu erschließen. Mein Wunsch wäre es, dass die ganze Welt den langfristigen Wert von Forschung respektiert und versteht. Gemeinsame Entwicklung ist der beste Weg, um voranzukommen.